Ashish Kothari und Aseem Shrivastava: „Churning the Earth“

 

Die Welt auf Touren bringen?

 

„Churning the Earth“ von Ashish Kothari und Aseem Shrivastava

 

Dass die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr auseinander klafft, ist sowohl bei uns als auch in den Entwicklungsländern eine allzu traurige Tatsache, die aber von kaum jemandem mehr in Frage gestellt wird.

 

Ashish Kothari und Aseem Shrivastava stellen nun in ihrem Buch „Churning the Earth – The Making of Global India“ die Frage nach den Ursachen. Findet dieses immer weiter fortschreitende Phänomen der Exklusion der ärmeren Bevölkerungsschichten am Reichtum ihres jeweiligen Landes TROTZ oder WEGEN der wirtschaftlich liberal ausgerichteten Globalisierung statt?

 

Ihre Antwort ist klar: in sehr vielen Fallbeispielen, belegt durch zahlreiche Statistiken und Stellungnahmen verschiedenster wirtschaftlicher Akteure, zeigen die beiden Autoren auf, dass ein direkter Zusammenhang zwischen dem neoliberalen, auf Wachstum ausgerichteten System und der zunehmenden Ungleichheit in der indischen Gesellschaft besteht. Viele der aufgeworfenen Themen hinterfragen natürlich auch das soziale und wirtschaftliche Denken in unseren Ländern.

 

Die beiden Autoren unterschreiben das bereits 1924 geäußerte Bedenken des bengalischen Schriftstellers Rabindranath Tagore : „Mutter Erde hat genug für einen gesunden Appetit ihrer Kinder und noch ein wenig dazu für seltene Fälle von Abnormalität. Aber sie hat bei weitem nicht genug für den plötzlichen Wachstum einer ganzen Welt von verwöhnten und verzogenen Kindern ...“.

 

Anstatt immer nur auf Wachstum zu setzen – ein Wachstum, das nicht nur die natürlichen Ressourcen der Welt ausbeutet, sondern auch und besonders die am meisten anfälligen Gesellschaftsschichten –, wünschen sich die Autoren ein Umdenken: in einer ganzen Reihe von Ansätzen schlagen sie alternative Modelle der Entwicklung vor: „development without growth“ und thematisieren auch in verschiedenen öffentlichen Reden die in ihren Augen durchaus vertretbare Richtung einer „de-growth“ . Die Motoren sind gegenwärtig so überhitzt, die Auspuffgase sind ins Unerträgliche gestiegen, der Wagen riskiert jeden Augenblick auseinander zu bersten, mit katastrophalen Folgen. Fuß weg vom Gashebel, Entschleunigung ist angesagt. Die Fahrtgeschwindigkeit muss soweit gedrosselt werden, dass jeder mitfahren kann, und dabei die Umwelt nicht weiter belastet wird.

 

Die beiden Autoren glauben trotz allem daran, dass “Indien bestens platziert ist mit seinen 600'000 Dörfern, um das Jahrhunderte alte Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land, welches den Ländern überall auf der Welt zusetzt, gerade zu biegen. Indien kann ein Pionier werden für eine neue, ökologisch ausgerichtete Lebensweise quer durch die Welt“.

Dieses Buch thematisiert die verschiedensten Bereiche der Wirtschaft und des gesellschaftlichen Zusammenlebens: Schaffung von Arbeitsplätzen und Arbeitslosigkeit, Ausbeutung zahlreicher Arbeiter durch Subunternehmer, Verarmung der ländlichen Bevölkerung, Wassermangel und Trockenheit, Klimawandel, Urbanisierung und vieles mehr. Ein weiterer Reiz dieses Buches ist der schier unglaubliche Reichtum an Statistiken, an wissenschaftlichen Untersuchungen, an Fallbeispielen und Zitaten von zahlreichen Wissenschaftlern und literarischen Autoren, die in dem über 50 Seiten umfassenden Kapitel  der Randbemerkungen besprochen werden.

Kein Buch der Ausweglosigkeit, sondern des Bewusstseins, dass trotz der Schwere der Aufgabe eine Veränderung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ausrichtungen in allen Ländern der Erde nicht nur notwendig, sondern auch möglich ist. Dies geschieht aber nur, wenn man sich von der fast obsessiven Sucht nach Wachstum löst.

Leider gibt es dieses Referenzbuch nur in englischer Ausgabe (Penguin/Viking ISBN 9780670086252).

Wer Ashish Kothari „live“ erleben möchte, dem raten wir, sich einen seiner gefilmten Vorträge auf YouTube anzusehen, so z. B.: https://www.youtube.com/watch?v=gQrmWdJ6Qc8 

 

 

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